#wunderwahr: Eine Leuchtspur Leben

Es wurde Zeit zu gehen. Siebenundneunzig Jahre hatte dieses Leben gedauert, und nun war es genug. An jenem Morgen machte die Greisin sich auf, alles hinter sich zu lassen.

 

Ich saß an ihrem Bett, damit sie den Weg nicht allein gehen musste. Ich saß schon seit über fünf Monaten an ihrem Bett, aber nun war es anders. Ich freute mich für sie, dass es nach drüben ging, denn es war schwer für sie geworden, dieses Leben. Ich sang Lieder, streichelte sie, sagte ihr, dass sie ruhig loslassen dürfe. Wie immer schwieg sie, zuckte nicht mit der Wimper, schenkte mir keinen Blick, war tief drin in sich. Aber ich wusste, dass sie mich bemerkte.

Dann zeigte mir eine der Schwestern, die die Frau im Heim jahrelang so liebevoll umsorgt hatten, wo die Fotoalben lagen. Und auch ich trat eine Reise an – eine Reise in dieses Leben, von dem ich so gut wie nichts wusste. Denn die Frau hatte sich schon lange in sich selbst zurückgezogen. Ich kannte sie nicht anders als so wie jetzt. Sprachlos. Blicklos.

Ich blätterte mich in Zeiten zurück, da die Bilder noch schwarzweiß waren, mit kleinen Mausezähnchen am Rand, und Frauen knöchellange Röcke trugen. Ein paar Hakenkreuze entdeckte ich auch. Meine Greisin war wieder blutjung und gertenschlank und lachte, auf jedem Foto. Dann wurde sie älter und eleganter. Sie feierte Feste mit Familie und Freunden, rauchte und trank, fuhr Ski, ging tauchen, wandern und arbeiten. Und lachte immer noch. Ich sah Freunde und Freundinnen kommen und gehen, Nichten und Neffen geboren werden, Betriebsausflüge und Urlaubsreisen. Ihren Airedale-Terrier und einen Nymphensittich, der offenbar gern auf den Köpfen seiner Menschen saß. Ich sah ein ganzes, pralles Leben.

Nach ein paar Stunden musste ich gehen, doch am frühen Abend war ich wieder da. Eine Angehörige war gekommen, die nicht so recht wusste, was zu tun war. Es war nichts zu tun. Ich erzählte ihr von den Fotos. Viele von ihnen zeigten sie, die Patentochter. Sie war wichtig, und so war es wichtig, dass sie nun da war.

Dann, nur ein paar Minuten später, begann die alte Frau unregelmäßiger zu atmen, so als hätte sie nur auf mich gewartet. Die Intervalle wurden länger, die Atemzüge tiefer. Fast Seufzer. Ich streichelte sie. Sagte noch einmal, sie dürfe jederzeit gehen. Eine Träne rollte aus ihrem linken Auge, ich wischte sie weg. Noch ein paarmal Luftholen für drüben. Verabschieden von hier … Und es war geschafft.

Als der Totenschein ausgestellt war, alle anderen gegangen und die Greisin und ich wieder allein miteinander waren wie in den Monaten zuvor, holte ich die übrigen Fotoalben aus der Schublade. Ich fand, das sei ich ihr schuldig … Die Fassung verlor ich dann doch, als ich ein ganz kleines Album aufschlug. „Hasso“ stand auf der ersten Seite. Mein Blick wanderte zu der kleinen Figur auf dem Tisch: ein Airedale-Terrier, sechzig Jahre nach Hassos Tod noch so wichtig, dass er mit ins Heim umziehen durfte … Ich weiß, wie sehr man einen Hund lieben kann. Erinnerung hat kein Verfallsdatum.

Irgendwann klappte ich das letzte Album zu und sah auf die alte Frau, die nun längst an einem anderen Ort war. Ich weiß nicht, welche Schwächen sie hatte, welche Stärken, welchen Kummer. Wer ihr wehgetan hat in ihrem langen Leben, wem sie wehgetan hat. Ich weiß nur, dass sie ein Mensch war, der lachen konnte. Und lieben. Und das ist nicht wenig.

Was von ihr bleiben wird? Eine Leuchtspur Leben.

Und ihr kleiner Hasso. Er wohnt jetzt bei mir.

 

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