#wunderwahr: Brief an meinen Hund

Heute vor sechs Jahren habe ich aufgehört, ein totaler Trottel zu sein. Denn du bist in mein Leben getapst – der wichtigste Lehrer, den ich je hatte.

Damals: Frankfurter Flughafen, spätabends an einem Sonntag. Gespannte Erwartung im Bauch. Die bange Frage, ob ich auch wüsste, was ich da tat. Natürlich nicht, aber egal, zum Kneifen war’s längst zu spät. Dann die ersten Passagiere aus Madrid. Unser Flugpate. Er schob zwei Transportboxen vor sich her. In der unteren: du. Ein weißes Bündel mit rehleinbraunen Ohren. Wache Augen mit Pharaonen-Kajal, die sich in meine bohrten. Angst? Nö. Stattdessen Express-Röntgen: Holst du mich hier raus – aus diesem Käfig? Aus diesem Leben?

Es wurde ein Anfang mit Hindernissen. Von wegen Liebe auf den ersten Blick – stattdessen Gefühlschaos und ab und an tiefe Verzweiflung. Du, das Fremdwesen, hast nichts gefressen außer Möbeln, Fernbedienung, Körbchen und Klopapier. Hattest Durchfall am laufenden Bandwurm. Bist wie ein Derwisch auf Droge durch die Wohnung getobt. Warst kaum zu beruhigen, wenn du mal wieder Panik hattest vor der Fliege an der Wand oder sonstwas, das ich nicht sehen konnte. Hast mich gerade mal so geduldet und pfotenringend gewartet auf das Rudel, das dich schon rauskloppen würde aus dieser bescheuerten Zweier-WG. Kuscheln Fehlanzeige. Mademoiselle ist Freigeist. Nicht anfassen, bitte.

Dann dieser Tag, an dem ich heulend im Wald stand. Weil mein Hund mich nicht mochte. Weil ich meinen Hund nicht mochte. Weil ich das hier nicht konnte. Weil ein Teufel in meinem Kopf flüsterte, ich solle das Alien umtauschen gegen ein anderes, das so war, wie ich es haben wollte. Weil ich gerade den letzten Rest Respekt vor mir selbst verlor … Ich wusste ja nicht, dass die Erziehung längst begonnen hatte. Dass ich schon mittendrin war im Lernen. Häuten. Enttrotteln.

Dann kam der Trotz. Ich biss die Zähne zusammen. Trat mir selbst in den Hintern. Hör auf zu flennen. Mach was. Das Leben ist kein Wunschkonzert, bisher hast du allein ja auch alles geschafft. Und jetzt sind wir doch zu zweit. Wir zwei kriegen das hin. Wir zwei können das. Wir zwei …

Wir gönnten uns eine Trainerstunde. Wir quälten uns drei Monate durchs Schleppleinentraining. Wir arbeiteten hart, jede an der anderen, jede an sich selbst. Wir knüpften eine unsichtbare Leine. Wir zogen plötzlich an einem Strang.

Bis zum Pfingstmontag, an dem der heilige Geist über uns kam. Ich leinte dich ab. Schickte dich hinaus in die Welt, in den Wald. Dann rief ich dich bei deinem Namen. Und du kamst mit flatternden Ohren auf mich zu galoppiert, das Maul offen, die Zunge fast um den Hals gewickelt. Es sah aus wie ein Lächeln. Scheunentore öffneten sich, Kammern, Zimmerfluchten und Ballsäle flogen auf, und mein Herz wurde weit, so weit.

Mut haben, Vertrauen, Nachsicht und Geduld. Erfinderisch sein und konsequent. Zu Hause sein bei dir und nirgendwo sonst. Dein Wohl über meines stellen. Namenlose Angst um dich spüren an manchen Tagen und pure Dankbarkeit und Freude, dass ich dich habe, an allen anderen. Ein besserer Mensch sein wollen um deinetwillen … All das hast du mir beigebracht – und noch viel mehr, das unter uns bleiben soll.

Du hast es geschafft. Für dich lohnt sich alles. Horrende Tierarztrechnungen. Bibbern bei jedem Bauchweh. Verzicht auf Überseeurlaub … Denn ich bin amputiert ohne dich. Nur halb. Gar nicht ich.

Was Menschen tun, die keine Tiere mögen? Trottel bleiben, vermute ich. Ich bin ein Schrittchen weiter, immerhin. Natürlich werde ich dir nie das Wasser reichen in deiner unschuldigen Weisheit. Macht nichts, ich hab ja dich. Deshalb bleib bitte bei mir, solange es geht. Und dann, wenn wir uns wiedersehen, drüben, für immer … Aber erst, wenn es Zeit ist.

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