Meine little Miss Sunshine

Meine little Miss Sunshine,

heute sind es auf den Tag genau fünf Jahre, die wir schon gemeinsam, Hand in Pfote, durchs Leben tapsen. Und von mir aus kann das auch noch mindestens fünfzig Jahre so weitergehen.

Es war ein Sonntag wie heute. Ich fuhr abends mit einer Freundin zum Frankfurter Flughafen hinaus – ich glaube, der Flieger landete nach 23 Uhr. Wir warteten mit einigen anderen Adoptanten in der Wartehalle, Nervosität lag in der Luft. Ich hatte Bauchweh, denn einen eigenen Hund – also einen, für den man 24/7 zuständig ist – hatte ich noch nie gehabt. Ganz unbeleckt war ich nach zwei Familienhunden und einem Pflegehund nicht und doch ein vollkommener Trottel. Zum Glück merkte ich das an diesem Abend noch nicht, das Leben war huldvoll und teilte es mir erst sukzessive mit.

Dann glitt die Glastür auf, heraus kamen die Passagiere deines Flugs, und mir rutschte das Herz in die Hose. Dein Flugpate schob einen Trolley mit zwei großen, aufeinander gestapelten Transportboxen vor sich her. Ich bekam im Vorbeirollen die Gelegenheit, einen Blick in die untere Box zu werfen, und da leuchteten mir zwei Hundeaugen entgegen.

Noch heute kann ich mich nicht sattsehen an diesen Augen und an diesem Blick. Pharaonenkajal, Permanent-Make-up, möchte man – bzw. vor allem frau – ehrfürchtig flüstern. Du wirst dich nie, niemals in deinem Leben schminken müssen, und du ahnst nicht mal, was das für eine Gnade ist … Aber ich schweife ab. Jedenfalls gehörst du zu jenen Hunden, die den Blick des Menschen nicht fürchten, sondern suchen. Immer, wenn du mich so durchdringend von unten herauf anschaust, weiß ich: Durchsage. Du willst was, du fragst was. Und ich muss nur noch die Kleinigkeit herausfinden, was.

Schon damals, auf dem Flughafen, im Alter von fünf Monaten, hattest du einiges hinter dir. Du warst als Straßenhündchen in Madrid geboren und allein und verlassen auf irgendeiner Straße gefunden worden. Du kamst auf eine Pflegestelle, in der dich nicht nur einige Menschen mit der Flasche großzogen, sondern auch einige Hunde in der hohen Kunst des Zusammenlebens unterwiesen. Du bist so gut sozialisiert, dass du noch heute glaubst, als Rudelletzte auf die Welt gekommen zu sein, so als wäre das eine Krankheit oder ein Talent.

Du kannst dich immer noch nicht wehren, weshalb ich dir neulich begeistert applaudiert habe, als du endlich einem anderen Hund gezeigt hast, wo der Bartl den Most holt. Huh, die Bestie fletschte kurz die Zähne! Sie konnte mich aber nicht restlos überzeugen – üben, üben, üben, schlage ich vor. Denn du bist der pazifistischste Hund, der mir je begegnet ist und dem ich immer wieder Zeit lassen muss herauszufinden, wie man die Pelle eines Wiener Würstchens „knackt“.

Es wurde dennoch nicht einfach mit uns beiden. Anfangs war ich lästiger Ballast für dich, unnötig, eine überflüssige Schikane. Wann würde endlich dieses verdammte neue Rudel kommen und dich hier rauskloppen?, hast du dich oft gefragt. Und auch ich muss dir gestehen, es war nicht leicht, mich in dich zu verlieben. In der Wohnung hast du mich in Sicherheit gewiegt und bist mir auf Schritt und Tritt gefolgt – doch draußen fand ich dann plötzlich nicht mehr statt. Du hattest nur noch die Nase am Boden und keinen Blick mehr für mich übrig. Wir waren beide Fremdkörper füreinander. Irgendwann stand ich heulend im Wald und hatte Angst, dass ich dich wieder hergeben würde.

Die Rettung hieß: Schleppleine! Schleppleine! Schleppleine! Drei Monate lang. Dann, ich weiß es noch wie heute, rückte der Pfingstmontag im Jahre des Herrn 2012 heran, und ich stand wieder einmal mit dir im Wald. Der heilige Geist oder doch etwas sehr Ähnliches kam über mich, und ich fand, dass wir beide reif für den nächsten Schritt waren. Ich nahm all meinen Mut zusammen und leinte dich ab. Und das Pfingstwunder geschah – die unsichtbare Leine übernahm, und du bist nicht stiften gegangen, sondern hast in deinem unergründlichen Ratschluss entschieden: Die ist nur ein bisschen gescheiter als ich und also glaubwürdig, bei der bleibe ich.

Nicht, dass ich wüsste, wohin der Hase hoppelt … Selten so gelacht. Ich habe mindestens genauso viel von dir gelernt wie du von mir. Zum Beispiel Kreativität – ach Gott, ja, KREATIVITÄT! Du bist so eigen, dass man auch eigene Strategien für dich braucht, von denen die schlauen Ratgeber nichts wissen. Bis heute stoße ich auf eine Mauer betretenen Schweigens, wenn ich erzähle, dass du regelmäßig vor dem vollen Napf verhungert bist. An dieser Hürde bin ich tatsächlich fast verzweifelt, erst ein hartes Jahr Futtertraining konnte es richten, und es gibt trotzdem immer wieder Phasen, in denen du das Fressen verweigerst. Komischer Straßenhund, aber bitte.

Als solcher hast du auch deine Ängste und Unsicherheiten, und trotzdem bist du grenzenlos lieb, lebensbejahend, vertrauensvoll. Apropos Vertrauen: Wenn ich unser Codewort „Alles gut“ sage, weißt du, dass die Situation safe ist, und dann folgst du mir mit Todesverachtung hindurch. Das rührt mich so, dass mir an dieser Stelle die Worte fehlen … Es war dir weiß Gott nicht in die Wiege gelegt, Besuchshund zu werden, um Menschen zu helfen, die deinesgleichen anderswo vergiften, erschlagen, zu Tode quälen. Und dennoch öffnest du dein Riesenherz jedem, der ein bisschen lieb zu dir ist. Mittlerweile besuchen wir als ausgebildetes Malteser-Team alle zwei Wochen ein Heidelberger Pflegeheim, und auch dort packst du dein Peace-Zeichen aus. Es ist einfach nicht in deinem Kopf drin, dass man auch zubeißen könnte, wenn jemand etwas grobmotorischer wird. Im Gegenteil, seitdem du so oft fremdgestreichelt wirst, bist du noch viel anschmiegsamer geworden. Und ich habe derweil gelernt, gut auf dich aufzupassen, dich nicht zu überfordern und da zu übernehmen, wo du nicht selbst für dich sorgen kannst.

Und dann hast du mir Angst beigebracht. Im Juni vor drei Jahren wurdest du über Nacht so krank, dass du nicht mal mehr einen winzigen Schluck Wasser bei dir behalten hast. Am anderen Morgen hast du Blut von dir gegeben und vor Schmerzen aufgehört, dich zu bewegen. In der Tierarztpraxis wurde es sehr still und sehr hektisch, als nur noch ein Strahl Blut und riesige Fetzen Darmschleimhaut aus deinem Innern kamen. Nach außen hin blieb ich kooperativ, um zu funktionieren, innen drin bin ich vor Horror erstarrt. Und noch in der letzten meiner Zellen kam die Information an: Die Zeit mit dir ist entsetzlich endlich.

Was ich daraus gelernt habe? Demut. Dankbarkeit. Unbändige Freude an und mit dir. Bewusstes Sein. Wenn ich dich ansehe, sehe ich äußerlich einen Hund und innerlich eine Person, um deretwillen ich ein besserer Mensch sein will. Ich habe gelernt, dass ich dich in allem, was du mir mitteilst, ernst zu nehmen habe. Und wer wollte sich schon erdreisten, meine Ängste, Freuden, Wünsche und Kümmernisse über die deinen zu stellen? Keine Sorge, ich nicht. Wenn es dir nicht gut geht, kann es mir auch nicht gut gehen. So einfach ist das.

In meinen Albträumen verlieren wir uns, wirst du mir entrissen, gestohlen, finde ich dich nicht wieder, muss ich weiterleben in dem Wissen, dass du irgendwo so unter unserer Trennung leidest wie ich hier. Dann wache ich auf, schaue in dein Körbchen, und ein grauer Berg purzelt mit Getöse von meiner Brust. Denn da liegst du in deiner entzückenden Elfenhaftigkeit, und ich kann nicht anders als dämlich lächeln. Das ist vielleicht deine größte Gabe: uns Zweibeinern immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern zu können. Dann geht das Herz auf, und ein Mensch ist binnen einer Sekunde froh und voller Zuneigung, grundlos, nur deinetwegen.

Wahnsinn.

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